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Editorial

Schüsse in Aubagne: Die Schule soll alles richten – doch sie kann nicht alles verhindern

Ein Vierzehnjähriger schiesst in einem Collège bei Marseille auf den Schulleiter und eine Lehrerin. Während die Politik über Jugendkrisen, Prävention und Sicherheit diskutiert, gerät eine grundlegende Frage in den Hintergrund: Wie viel Verantwortung kann eine Schule tragen, wenn gesellschaftliche Probleme bis in ihre Klassenzimmer vordringen? Der Fall von Aubagne zeigt die Grenzen staatlicher Fürsorge –…

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Ein Vierzehnjähriger schiesst in einem Collège bei Marseille auf den Schulleiter und eine Lehrerin. Während die Politik über Jugendkrisen, Prävention und Sicherheit diskutiert, gerät eine grundlegende Frage in den Hintergrund: Wie viel Verantwortung kann eine Schule tragen, wenn gesellschaftliche Probleme bis in ihre Klassenzimmer vordringen? Der Fall von Aubagne zeigt die Grenzen staatlicher Fürsorge – und die Gefahr vorschneller Erklärungen.

Editorial | 13. Oktober 2026

Ein Gitarrenkoffer gehört zum Schulalltag. Ein Jagdgewehr nicht. Als ein vierzehnjähriger Schüler am Montagvormittag mit einer in einem Gitrrenkoffer versteckten Schusswaffe das Collège Joseph-Lakanal im südfranzösischen Aubagne betrat, verwandelte sich ein gewöhnlicher Unterrichtstag in die Szene einer Gewalttat. Mehrere Schüsse fielen, der Schulleiter und eine Lehrerin wurden verletzt. Dass beide nach ersten Behördenangaben ausser Lebensgefahr sind, ist eine Erleichterung. Dass Schulmitarbeiter den Jugendlichen überwältigen konnten, bevor noch Schlimmeres geschah, zeugt von aussergewöhnlicher Geistesgegenwart.

Was den Schüler zu seiner Tat bewogen hat, ist noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes. Auch die Herkunft der Waffe und die Umstände, unter denen der Minderjährige Zugang zu ihr erhielt, sind Gegenstand der Untersuchungen.

Doch während die Ermittler noch nach Antworten suchen, hat die politische Deutung bereits begonnen. Die Grünen-Abgeordnete Léa Balage El Mariky verweist auf ein tiefes seelisches Unbehagen unter Jugendlichen. Bildungsminister Édouard Geffray betont dagegen die Grenzen schulischer Verantwortung angesichts schwerer krimineller Gewalt.

Beide Aussagen berühren einen wesentlichen Aspekt. Problematisch wird es dort, wo aus berechtigten gesellschaftlichen Fragen vorschnell Erklärungen für eine konkrete Straftat werden. Nicht jede Gewalttat ist ein Symptom einer Generationenkrise. Und nicht jedes gesellschaftliche Problem lässt sich durch zusätzliche Aufgaben für die Schulen lösen.

Die gefährliche Versuchung der einfachen Erklärung

Nach erschütternden Ereignissen verlangt die Öffentlichkeit nach Ursachen. Das ist verständlich. Eine Tat, deren Beweggründe unbekannt bleiben, erzeugt Unsicherheit. Politische Erklärungen versprechen dagegen Orientierung und vermitteln den Eindruck, dass sich durch entschlossenes Handeln ähnliche Ereignisse künftig verhindern liessen.

Gerade deshalb ist Zurückhaltung geboten.

Wenn Balage El Mariky von einem verbreiteten Unbehagen unter Jugendlichen spricht, benennt sie ein reales gesellschaftliches Problem. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass psychische Belastungen die Schüsse von Aubagne erklären. Zwischen seelischem Leiden und schwerer Gewalt besteht kein einfacher kausaler Zusammenhang.

Die grosse Mehrheit psychisch belasteter Jugendlicher wird niemals gewalttätig. Wer Depressionen, Einsamkeit oder Zukunftsängste unmittelbar mit einer Schusswaffentat verknüpft, riskiert eine Stigmatisierung gerade jener jungen Menschen, die Unterstützung benötigen.

Ebenso wenig wäre es gerechtfertigt, den Angriff als Ausdruck einer allgemeinen Verrohung der französischen Jugend zu interpretieren. Einzelne schwere Straftaten können strukturelle Schwächen sichtbar machen. Sie ersetzen aber keine empirische Untersuchung gesellschaftlicher Entwicklungen.

Die Unterscheidung zwischen individuellen Tatmotiven und allgemeinen sozialen Problemen ist keine akademische Spitzfindigkeit. Sie entscheidet darüber, ob politische Massnahmen an tatsächlichen Ursachen ansetzen oder lediglich auf öffentliche Erregung reagieren.

Frankreichs Jugend ist weder gesund noch verloren

Dass die psychische Gesundheit junger Menschen politische Aufmerksamkeit verdient, steht ausser Frage. Die französische Gesundheitsbehörde Santé publique France veröffentlichte im Juni 2026 Ergebnisse der EnCLASS-Erhebung auf Grundlage von Befragungen aus dem Jahr 2024.

Demnach wiesen 19 Prozent der befragten Lycée-Schüler ein hohes Depressionsrisiko auf. Zwanzig Prozent berichteten von Suizidgedanken innerhalb der vorausgegangenen zwölf Monate. Hinter diesen Zahlen stehen erhebliche individuelle Belastungen und ein entsprechender Bedarf an gesundheitlicher und psychosozialer Unterstützung.

Allerdings zeichnet dieselbe Untersuchung ein differenzierteres Bild, als es die Rede von einer verlorenen Generation vermuten liesse. Siebzig Prozent der befragten Collège-Schüler und 63 Prozent der Lycée-Schüler beschrieben ihr psychisches Wohlbefinden als gut. Gegenüber 2022 verbesserten sich einzelne Indikatoren, darunter das allgemeine Wohlbefinden und das berichtete Einsamkeitsempfinden.

Frankreichs Jugendliche sind somit weder eine durchweg unbeschwerte noch eine kollektiv verzweifelte Generation. Vielmehr bestehen erhebliche Belastungen neben erkennbaren positiven Entwicklungen.

Für die Politik ergibt sich daraus ein klar umrissenes Aufgabenfeld: psychische Erkrankungen früher erkennen, Beratungsangebote zugänglich machen und Familien sowie Schulen bei der Vermittlung professioneller Hilfe unterstützen.

Das ist unabhängig von den Ereignissen in Aubagne sinnvoll. Es wäre jedoch unredlich, solche Massnahmen nachträglich als gesicherte Antwort auf eine Tat auszugeben, deren Ursachen noch unbekannt sind.

Die Schule als letzte Auffangstation der Gesellschaft

Kaum eine öffentliche Institution wird mit so unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert wie die Schule.

Sie soll Wissen vermitteln, soziale Ungleichheiten ausgleichen, demokratische Werte fördern, Mobbing verhindern, digitale Risiken erklären, psychische Krisen erkennen und im Ernstfall auch noch körperliche Sicherheit gewährleisten.

Jede einzelne Forderung besitzt ihre Berechtigung. Zusammengenommen entsteht jedoch ein Anspruch, den keine Bildungseinrichtung vollständig erfüllen kann.

Lehrkräfte sind Pädagogen, keine Psychiater. Schulleiter tragen Verantwortung für den Schulbetrieb, sind aber weder Polizeibeamte noch Ermittler. Schulen können auffällige Entwicklungen beobachten, Gespräche anbieten und Unterstützung vermitteln. Sie können jedoch nicht sämtliche familiären Konflikte, psychischen Erkrankungen oder individuellen Radikalisierungsprozesse zuverlässig erkennen.

Hinzu kommt eine institutionelle Schwierigkeit: Je mehr gesellschaftliche Aufgaben auf Schulen übertragen werden, desto grösser wird die Gefahr, dass ihr eigentlicher Bildungsauftrag unter zusätzlichen Erwartungen leidet.

Bildungsminister Geffray hat deshalb einen wichtigen Punkt angesprochen, wenn er auf die Grenzen schulischer Handlungsmöglichkeiten verweist. Die Schule darf nicht zum alleinigen Verantwortlichen für Probleme erklärt werden, deren Ursachen weit ausserhalb ihres Einflussbereichs liegen.

Das bedeutet allerdings nicht, sie aus ihrer Schutzverantwortung zu entlassen. Entscheidend ist vielmehr, welche Unterstützung sie von anderen staatlichen Einrichtungen erhält und wie die Zusammenarbeit mit Jugendhilfe, Gesundheitswesen, Familien und Sicherheitsbehörden organisiert ist.

Prävention ist keine Leistung einer einzelnen Institution. Sie funktioniert nur dort, wo Zuständigkeiten geklärt sind und Informationen im rechtlich zulässigen Rahmen weitergegeben werden können.

Die Frage nach der Waffe ist entscheidend

Neben allen gesellschaftlichen Überlegungen steht eine sehr konkrete sicherheitspolitische Frage: Wie gelangte ein Vierzehnjähriger an ein Jagdgewehr?

Nach bisherigen Berichten wurden auch die Eltern des Verdächtigen von der Polizei befragt. Ermittler untersuchen die Besitzverhältnisse und die Aufbewahrung der Waffen im familiären Umfeld. Ob dabei Vorschriften verletzt wurden oder andere Versäumnisse vorliegen, muss die Justiz klären.

Dieser Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit. Während sich die öffentliche Diskussion häufig auf Zugangskontrollen an Schulen konzentriert, beginnt wirksame Prävention möglicherweise viel früher: beim sicheren Aufbewahren gefährlicher Gegenstände, bei der Verantwortung erwachsener Waffenbesitzer und beim Umgang mit konkreten Warnsignalen.

Eine Schule kann nicht verhindern, dass jede denkbare Gefahr von aussen an sie herangetragen wird. Sie kann Sicherheitsabläufe einüben und auf Bedrohungen reagieren. Doch ein Bildungssystem, das seine Einrichtungen wie Hochsicherheitsbereiche organisieren müsste, geriete zwangsläufig in Konflikt mit seinem pädagogischen Selbstverständnis.

Das französische Collège ist nicht nur Unterrichtsort, sondern Teil des republikanischen Integrationsversprechens. Kinder unterschiedlicher Herkunft sollen dort gemeinsam lernen und gesellschaftliche Teilhabe erfahren. Ein Klima ständiger Kontrolle könnte dieses Ziel beeinträchtigen.

Sicherheit und Offenheit stehen deshalb in einem Spannungsverhältnis, das sich nicht durch immer neue Kontrollforderungen auflösen lässt. Entscheidend ist, Risiken möglichst früh zu erkennen und dort zu begrenzen, wo tatsächlich Handlungsmöglichkeiten bestehen.

Nach der Gewalt beginnt die eigentliche Bewährungsprobe

Die Ereignisse von Aubagne enden nicht mit der Festnahme des mutmasslichen Täters. Für Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und Familien beginnt vielmehr eine schwierige Phase der Verarbeitung.

Die angekündigte schrittweise Wiederaufnahme des Schulbetriebs trägt dieser Realität Rechnung. Zunächst sollen die Beschäftigten zusammenkommen, anschliessend die Jugendlichen. Der Austausch über das Erlebte steht vor der Rückkehr zum regulären Unterricht.

Solche Massnahmen sind mehr als symbolische Gesten. Ein Angriff innerhalb einer Schule erschüttert das grundlegende Vertrauen in einen Ort, an dem Kinder einen erheblichen Teil ihres Alltags verbringen. Selbst wenn die unmittelbare Gefahr beseitigt ist, können Angst und Verunsicherung fortbestehen.

Die Mitarbeiter, die den bewaffneten Jugendlichen stoppten und andere in Sicherheit brachten, verdienen Anerkennung. Sie benötigen aber ebenso Unterstützung wie die unmittelbar Verletzten und die Schülerinnen und Schüler, die den Angriff miterlebt haben.

Für die Behörden stellt sich damit eine doppelte Aufgabe: Sie müssen die strafrechtlichen Hintergründe aufklären und zugleich die Voraussetzungen schaffen, unter denen die Schulgemeinschaft wieder zu einem verlässlichen Alltag zurückfinden kann.

Beides erfordert Zeit. Politische Ankündigungen unmittelbar nach einer Gewalttat mögen Entschlossenheit demonstrieren. Ob sie langfristig etwas bewirken, hängt jedoch von ihrer Umsetzung und von den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen ab.

Die Schüsse von Aubagne erinnern an eine unbequeme Wahrheit moderner Gesellschaften: Der Staat kann Sicherheit organisieren, aber keine absolute Sicherheit garantieren. Er kann psychische Gesundheitsversorgung verbessern, familiäre Verantwortung einfordern und Schulen stärken. Er kann jedoch nicht jedes individuelle Handeln vorhersehen.

Daraus folgt weder politische Resignation noch die Forderung nach grenzenloser staatlicher Kontrolle. Vielmehr bedarf es einer nüchternen Unterscheidung zwischen dem, was verhindert werden kann, dem, was besser aufgefangen werden muss, und dem, was sich erst nach sorgfältiger Untersuchung beurteilen lässt.

Die französische Politik steht damit vor einer Herausforderung, die weit über Aubagne hinausreicht. Sie muss Schulen schützen, ohne sie zu Festungen zu machen. Sie muss Jugendliche unterstützen, ohne psychische Belastungen mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen. Und sie muss Verantwortung klären, ohne bereits vor Abschluss der Ermittlungen Schuldige oder gesellschaftliche Ursachen festzulegen.

Die wichtigste Aufgabe bleibt vorerst eine andere: den Menschen im Collège Joseph-Lakanal jene Sicherheit und Zuversicht zurückzugeben, die ihnen an einem Montagmorgen genommen wurden.

Denn eine Schule kann vieles auffangen. Sie darf aber nicht der Ort sein, an dem die Gesellschaft sämtliche Probleme ablädt, für deren Lösung ihr anderswo die Antworten fehlen.

Andreas M. Brucker