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Frankreich

Papst, Pop und 80.000 Stimmen

Als Léon XIV am Freitagabend im Papamobil in das Stade de France einfährt, klingt Saint Denis für einige Minuten eher nach Rockkonzert als nach katholischer Großveranstaltung. Zehntausende springen von ihren Sitzen, Arme schnellen in die Höhe, Smartphones leuchten auf den Tribünen. Immer wieder hallt derselbe Ruf durch die Arena: „Léon XIV! Léon XIV!“ Rund 80.000…

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Als Léon XIV am Freitagabend im Papamobil in das Stade de France einfährt, klingt Saint Denis für einige Minuten eher nach Rockkonzert als nach katholischer Großveranstaltung. Zehntausende springen von ihren Sitzen, Arme schnellen in die Höhe, Smartphones leuchten auf den Tribünen. Immer wieder hallt derselbe Ruf durch die Arena: „Léon XIV! Léon XIV!“

Rund 80.000 überwiegend junge Menschen zwischen 17 und 35 Jahren sind am 25. September gekommen. Viele warten seit Stunden. Musiker wie Les Frangines, Natasha St Pier und Grégory Turpin sorgen für Konzertstimmung, dazu singt ein Chor mit 2.500 Stimmen.

Dann erscheint der Papst – und der ohnehin laute Abend dreht noch einmal richtig auf.

Das Stade de France kennt solche Momente. Fußball Weltmeisterschaft, Rugby, Olympische Spiele, internationale Popstars: Frankreichs größte Arena lebt von großen Gefühlen. Doch diesmal steht kein Stürmer, Sänger oder Olympiasieger im Mittelpunkt, sondern das Oberhaupt der katholischen Kirche.

Und das ausgerechnet in Frankreich.

Ein ungewöhnliches Bild

Das Land gilt als eine der am stärksten säkularisierten Gesellschaften Europas. Die strikte Trennung von Staat und Religion gehört zum republikanischen Selbstverständnis, regelmäßig praktizierende Katholiken bilden längst eine Minderheit.

Wie passt dazu ein Stadion voller junger Menschen, die einen Papst feiern?

Vielleicht besser, als es auf den ersten Blick scheint.

Denn während die traditionelle Bindung an die Kirche schwindet, zeigt sich unter einem Teil der jungen Generation eine andere Form des Katholizismus. Sie entsteht weniger aus Gewohnheit als aus persönlicher Entscheidung. Junge Gläubige pilgern nach Chartres, reisen zu Weltjugendtagen, besuchen Gebetsabende, hören christliche Popmusik und sprechen in sozialen Netzwerken offen über ihren Glauben.

Auch die steigende Zahl junger Erwachsener, die sich taufen lassen, gehört zu diesem Bild.

Von einer Rückkehr Frankreichs zu den katholisch geprägten Jahrzehnten vergangener Zeiten lässt sich daraus nicht sprechen. Dafür ist die Gesellschaft zu vielfältig, zu säkular und religiös zu unterschiedlich geworden.

Doch etwas bewegt sich.

Jeanne d’Arc trifft Popmusik

Der Abend im Stade de France setzt diese neue Sichtbarkeit mit allen Mitteln einer modernen Großveranstaltung in Szene. Französische Heilige ziehen durch eine gewaltige historische Darstellung, Jeanne d’Arc gehört ebenso dazu wie Thérèse von Lisieux und Charles de Foucauld. Pferde galoppieren durch das Stadion, Reliquien und Marienfiguren erscheinen, Musik und Licht schaffen große Bilder.

Manches erinnert eher an eine Bühnenshow als an das, was viele mit Kirche verbinden.

Ist das noch Glaubensfest oder schon religiöses Popereignis?

Wahrscheinlich steckt gerade in dieser Mischung die besondere Kraft des Abends. Tradition trifft auf moderne Inszenierung, Gebet auf Popmusik, jahrhundertealte Symbole auf Tausende Smartphones.

Léon XIV setzt allerdings einen ernsteren Ton. Er ruft die jungen Menschen zum „Kampf des Glaubens“ auf und grenzt diesen Gedanken unmittelbar von Gewalt, Verachtung und Unterdrückung ab. Die entscheidende „Waffe“ sei die Liebe, die sich verschenke.

In Saint Denis besitzt diese Botschaft eine besondere Bedeutung.

Das Département Seine Saint Denis gehört zu den jüngsten und vielfältigsten Regionen Frankreichs. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion leben hier dicht nebeneinander. Christen sind nur ein Teil dieses Mosaiks. Beim Treffen im Stadion sitzen deshalb auch jüdische, muslimische und hinduistische Freunde junger Katholiken unter den Gästen.

Drinnen werden christliche Heilige gefeiert, draußen beginnt eines der kosmopolitischsten Gebiete Frankreichs – ein Kontrast, der kaum treffender sein könnte.

Ein neues Gesicht des Glaubens

Für Léon XIV bildet Saint Denis den spektakulären Höhepunkt seines ersten Tages in Frankreich. Zuvor führte ihn sein Weg in den Élysée Palast, zur UNESCO und nach Notre Dame. Lourdes und Metz stehen ebenfalls auf seinem Reiseplan.

Doch wahrscheinlich bleiben vor allem diese Stadionbilder hängen.

Ein Papst im Papamobil. 80.000 junge Menschen. Musik, Jubel, Gebet und ein Meer aus leuchtenden Telefonen.

Frankreich ist deshalb nicht plötzlich wieder katholisch. Aber Saint Denis zeigt, dass Säkularisierung den Glauben nicht einfach verschwinden lässt. Sie verändert seine Form.

Wo Religion früher oft selbstverständlich zur Familie und zum gesellschaftlichen Umfeld gehörte, entscheidet sich heute ein Teil der jungen Menschen ganz bewusst dafür. Diese Gruppe ist kleiner als einst – dafür sichtbar, vernetzt und ziemlich laut.

An diesem Freitagabend jedenfalls brauchte niemand ein Messgerät, um ihre Präsenz festzustellen.

Man musste nur zuhören.

Ein Artikel von M. Legrand