Auf einer Landkarte ist Saint-Pierre-et-Miquelon leicht zu übersehen. Politisch aber ist der französische Archipel vor der Küste Neufundlands plötzlich ins Zentrum einer grösseren Auseinandersetzung über Souveränität, strategische Einflusszonen und die Ordnung des Nordatlantiks gerückt. Bei seiner Ankunft am 19. September reagierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron demonstrativ auf eine von Donald Trump veröffentlichte Karte, auf der weite Teile Nordamerikas einschliesslich des französischen Gebiets mit den Farben der Vereinigten Staaten überzogen waren. «Das ist selbstverständlich. Es gibt darüber keine Diskussion. Saint-Pierre-et-Miquelon ist französisch und mit Frankreich verbunden», erklärte Macron. Und er fügte hinzu: «Wir werden das nicht jeden Morgen bekräftigen, nur weil Leute seltsame Ideen haben oder seltsame Dinge sagen.»
Eine kleine Inselgruppe in strategischer Lage
Saint-Pierre-et-Miquelon liegt rund 25 Kilometer vor der kanadischen Insel Neufundland und ist das letzte französische Territorium in Nordamerika. Der Archipel zählt offiziell 5.790 Einwohner. Verfassungsrechtlich handelt es sich um eine französische Übersee-Körperschaft nach Artikel 74 der Verfassung, die über eigene lokale Institutionen verfügt, gleichzeitig aber integraler Bestandteil der Französischen Republik ist.
Seine strategische Bedeutung ergibt sich weniger aus seiner Landfläche als aus seiner Lage. Saint-Pierre-et-Miquelon befindet sich an der Schnittstelle zwischen Nordamerika, dem Nordatlantik und dem zunehmend sicherheitspolitisch relevanten arktischen Raum. Frankreich besitzt dadurch nicht nur Hoheitsrechte über Land und Küstengewässer, sondern verfügt auch über eine maritime Präsenz unmittelbar vor Kanada.
Das erklärt, weshalb Macrons Besuch weit über klassische Überseepolitik hinausweist. Nach Angaben des Élysée soll die Reise Frankreichs Präsenz im Nordatlantik, Fragen der maritimen Souveränität, die Anpassung an den Klimawandel und die Zusammenarbeit mit Kanada miteinander verbinden. Es handelt sich um den ersten Besuch eines französischen Präsidenten auf dem Archipel seit François Hollande im Jahr 2014.
Trumps Karte verändert den politischen Kontext
Auslöser für die neue Aufmerksamkeit war ein Beitrag Donald Trumps vom 7. September. Die veröffentlichte Karte zeigte grosse Teile Nordamerikas, Grönland, Island, Mexiko, Mittelamerika und die Karibik unter amerikanischer Flagge. Auch Saint-Pierre-et-Miquelon und französische Gebiete in der Karibik waren erfasst. Frankreich verzichtete zunächst auf eine offizielle Reaktion.
In einem anderen politischen Umfeld wäre eine solche Darstellung womöglich als blosse Provokation behandelt worden. Doch sie fiel in eine Phase erheblicher Spannungen zwischen Washington und mehreren Partnern im Nordatlantik. Trump hat wiederholt Vorstellungen über eine engere amerikanische Kontrolle über Grönland geäussert und Kanada mit einer harten Handels- und Zollpolitik unter Druck gesetzt. Erst am 18. September wurde eine Vereinbarung über eine stärkere amerikanische Sicherheitspräsenz in Grönland bekannt. Dänemark und die grönländische Regierung betonen ausdrücklich, dass dadurch ihre Souveränität nicht angetastet werde.
Macrons Reaktion ist deshalb weniger als territorialer Alarmruf denn als diplomatische Grenzziehung zu verstehen. Paris signalisiert, dass bestehende Grenzen und staatliche Souveränität auch dann nicht zur rhetorischen Verhandlungsmasse werden sollen, wenn Washington seine strategischen Interessen im Nordatlantik neu definiert.
Macron und Carney inszenieren Nähe
Zusätzliche politische Bedeutung erhält die Reise durch den Besuch des kanadischen Premierministers Mark Carney am 20. September. Noch nie zuvor hat ein kanadischer Regierungschef Saint-Pierre-et-Miquelon in diesem Rahmen besucht. Macron sprach von einer «starken Botschaft».
Dass der Ort für das Treffen gewählt wurde, ist kaum zufällig. Frankreich und Kanada teilen hier eine maritime Grenze. Ottawa wiederum versucht, seine wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu europäischen Staaten auszubauen, während das Verhältnis zu Washington schwieriger geworden ist. Im Mittelpunkt der Gespräche zwischen Macron und Carney stehen nach kanadischen Regierungsangaben Energie, Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, kritische Rohstoffe sowie Zukunftstechnologien wie Quantencomputer, Satellitensysteme und Hochleistungsrechner.
Die wirtschaftliche Grundlage dieser Annäherung ist keineswegs unbedeutend. 2025 erreichte der bilaterale Warenhandel zwischen Frankreich und Kanada 15,2 Milliarden kanadische Dollar. Frankreich ist inzwischen Kanadas drittgrösster Exportmarkt innerhalb der Europäischen Union. In der gegenwärtigen Energiekrise interessiert sich Paris zudem verstärkt für kanadische Energielieferungen, darunter Flüssigerdgas für den europäischen Markt.
Die historische Last des Jahres 1992
Für die Bewohner des Archipels besitzt die Debatte über Souveränität allerdings eine sehr konkrete wirtschaftliche Dimension. Ein Schlüsseljahr ist 1992. Damals entschied ein internationales Schiedsgericht über den französisch-kanadischen Streit um die Seegrenzen. Frankreich erhielt rund um Saint-Pierre-et-Miquelon eine ausschliessliche Wirtschaftszone von etwa 12 400 Quadratkilometern – deutlich weniger als Paris verlangt hatte. Ein schmaler Korridor zieht sich von den Inseln nach Süden.
Fast gleichzeitig brach mit dem Moratorium für die Kabeljaufischerei eine jahrzehntelang prägende wirtschaftliche Grundlage des Archipels weg. Der traditionelle Fischereisektor erholte sich nie vollständig von diesem Einschnitt. Bis heute spielen Fangquoten und der Zugang zu kanadischen Gewässern in den Beziehungen zu Ottawa eine Rolle.
Auch die jüngsten Wirtschaftsdaten zeigen die Fragilität des Sektors. Die Fischerei schrumpfte 2025 nach Angaben des französischen Übersee-Währungsinstituts IEDOM um 69,8 Prozent. Hauptgründe waren der Rückgang der Schneekrabbenbestände, anhaltende Differenzen mit Neufundland und die weiterhin geschlossene Fischverarbeitungsanlage auf Miquelon. Gleichzeitig wuchsen Tourismus und privater Konsum, während auf dem Arbeitsmarkt nahezu Vollbeschäftigung herrschte.
Wenn der Klimawandel ein Dorf verschiebt
Die geopolitische Aufmerksamkeit sollte aber die unmittelbaren Probleme der Bevölkerung nicht verdecken. Besonders sichtbar werden sie in Miquelon. Wegen der zunehmenden Gefährdung durch Überflutungen soll ein Teil des Dorfes auf höher gelegenes Gelände verlegt werden. Erste Häuser wurden bereits rund anderthalb Kilometer vom bisherigen Standort entfernt neu errichtet. Die zweite Phase des Projekts befindet sich im Genehmigungs- und Planungsverfahren.
Für eine Gemeinschaft von weniger als 6.000 Menschen ist eine solche Umsiedlung ein aussergewöhnliches Infrastrukturprojekt. Hinzu kommen der Sanierungsbedarf des Hafens von Saint-Pierre sowie Investitionen in Entwässerung, öffentliche Gebäude und Versorgungsanlagen. Macron hat zudem zusätzliche Entscheidungen zur militärischen Präsenz angekündigt. Gegenwärtig spielt dabei insbesondere der alternde französische Patrouillenkreuzer «Fulmar» eine Rolle, dessen Ablösung seit längerem diskutiert wird.
Vom Kabeljau zur Satellitenstation
Paris versucht zugleich, dem Archipel eine wirtschaftliche Perspektive jenseits der traditionellen Fischerei zu eröffnen. Dabei rückt ausgerechnet seine geografische Abgeschiedenheit als Standortvorteil in den Mittelpunkt.
Saint-Pierre-et-Miquelon beherbergt bereits eine Bodenstation für das europäische Satellitennavigationssystem Galileo. Französische Raumfahrtunternehmen prüfen weitere Aktivitäten. Zusätzlich hofft der Archipel, an ein geplantes transatlantisches Datenkabel zwischen der Bretagne und New York angeschlossen zu werden. Eine solche Verbindung könnte sowohl die digitale Versorgung verbessern als auch satellitengestützte und andere datenintensive Dienstleistungen absichern.
So verbindet Macrons Reise drei Ebenen französischer Politik, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: die Verteidigung territorialer Souveränität, die strategische Neuordnung des Nordatlantiks und die wirtschaftliche Zukunft einer kleinen Überseegemeinschaft. Gerade darin liegt die Bedeutung von Saint-Pierre-et-Miquelon. Frankreich besitzt dort keinen grossen Machtstützpunkt, wohl aber einen souveränen Vorposten unmittelbar vor Nordamerika. Kanada wiederum gewinnt in Paris einen Partner, während Ottawa seine internationalen Beziehungen breiter abzustützen versucht.
Dass Macron die französische Zugehörigkeit des Archipels mit ungewöhnlicher Deutlichkeit bekräftigt, verändert seine rechtliche Lage nicht. Diese war auch vor Trumps Karte eindeutig. Politisch aber zeigt der Besuch, wie stark selbst kleine Territorien an Bedeutung gewinnen können, wenn Grossmächte ihre strategischen Interessen neu formulieren. Saint-Pierre-et-Miquelon wird damit zu einem Beispiel für eine Entwicklung, die weit über die knapp 5.800 Einwohner des Archipels hinausreicht: Im Nordatlantik werden Souveränität, Sicherheit, Energieversorgung, Klimaanpassung und technologische Infrastruktur zunehmend miteinander verknüpft.
Andreas M. Brucker