Kommentar
Früher ging man auf den Weihnachtsmarkt, um Glühwein zu trinken, gebrannte Mandeln zu essen und sich über völlig überteuerte Holzfiguren zu ärgern. Heute braucht man offenbar bald nur noch eines: eine Sicherheitsfreigabe!
Herzlichen Glückwunsch, moderne Gesellschaft! Wir haben es geschafft. Der Weihnachtsmarkt entwickelt sich vom besinnlichen Treffpunkt zum Hochsicherheitstrakt mit Zimtgeruch.
In Straßburg plant man jetzt Waffendetektoren an den Zugängen. Detektorbögen! Wie am Flughafen! Fehlt eigentlich nur noch die freundliche Aufforderung: „Bitte legen Sie Ihre Schlüssel, Ihr Handy und Ihre Weihnachtsstimmung in die bereitgestellte Plastikschale.“
Und wehe, der Schokoladennikolaus ist in Alufolie eingewickelt!
Natürlich brauchen wir Sicherheit. Nach dem furchtbaren Terroranschlag von 2018 mit fünf Todesopfern bestreitet das kein vernünftiger Mensch. Niemand möchte, dass sich eine solche Tragödie wiederholt. Aber verdammt noch mal, seit wann besteht unsere gesellschaftliche Antwort auf jede Bedrohung darin, das öffentliche Leben Stück für Stück in eine Festung zu verwandeln?
Betonklötze vor den Zufahrten. Polizeipatrouillen zwischen Lebkuchenbuden. Taschenkontrollen an den Eingängen. Und jetzt elektronische Schleusen.
Was kommt als Nächstes? Gesichtserkennung am Glühweinstand? Fingerabdruckscanner vor der Krippe? Ein Sicherheitsbeamter, der dem Weihnachtsmann erst nach einer Leibesvisitation den Zugang gestattet?
„Ho, ho, ho!“ – „SCHNAUZE! ERST MAL DIE TASCHE AUFMACHEN!“
Und das Absurde daran: Die neuen Anlagen sollen nicht nur sicherer sein, sondern auch Wartezeiten verkürzen. Wunderbar! Wir feiern also bereits als Fortschritt, wenn wir möglichst schnell durch jene Sicherheitskontrollen gelangen, die wir früher überhaupt nicht brauchten.
Das ist ungefähr so, als würde man sich darüber freuen, dass die Gefängnistür jetzt automatisch aufgeht.
Währenddessen klagen Geschäftsleute über ausbleibende Kundschaft, Anwohner über Einschränkungen und Besucher über Absperrungen. Eine ganze Innenstadt muss sich dem Sicherheitsapparat unterordnen.
Und bitte nicht falsch verstehen: Das Problem sind nicht die Polizisten, die uns schützen. Nicht die Sicherheitskräfte, die ihren Job machen. Und schon gar nicht die Menschen, die nach einem Anschlag Angst empfinden.
Das eigentliche Problem ist eine Gesellschaft, die sich zunehmend daran gewöhnt, Freiheit nur noch unter Sicherheitsvorbehalt zu genießen.
Wir akzeptieren Absperrungen, Überwachung und Kontrollen mittlerweile so selbstverständlich, als gehörten sie zur Weihnachtsdekoration.
Und genau das sollte uns erschrecken.
Denn Weihnachten steht doch angeblich für Frieden, Vertrauen und menschliche Nähe. Stattdessen marschieren wir durch Metalldetektoren, vorbei an Betonbarrieren, um anschließend „Stille Nacht“ zu hören.
Was für eine groteske Ironie!
Vielleicht sollten wir uns endlich fragen, wohin eine Gesellschaft steuert, in der selbst ein Becher Glühwein nur noch hinter Sicherheitsbarrieren unbeschwert schmecken soll.
Denn wenn der Weihnachtsfrieden irgendwann eine Einlasskontrolle braucht, dann läuft nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt etwas gewaltig schief!
Chrsitine Macha