Dudelsack, Harfe und alte Balladen prägen das Festival Interceltique de Lorient seit Jahrzehnten. Doch bei der 55. Ausgabe zeigt sich einmal mehr, dass die keltische Musik längst nicht in der Vergangenheit lebt. Traditionelle Klänge verschmelzen heute ganz selbstverständlich mit elektronischen Elementen. Besonders eindrucksvoll gelingt dieser Spagat dem bretonischen Sänger Denez sowie der Gruppe Noon.
Noch bis zum 9. August verwandelt sich Lorient in die Hauptstadt der keltischen Kultur. Rund 300 Konzerte, Paraden und Veranstaltungen locken Besucher aus der Bretagne, Irland, Schottland, Wales, Galicien, Asturien, Cornwall und von der Isle of Man an. Das Festival steht für gelebte Tradition, zugleich aber auch für musikalische Offenheit. Genau diese Mischung verleiht der Veranstaltung ihren besonderen Reiz.
Einen der bemerkenswertesten Auftritte präsentiert Denez mit seinem Programm „Toenn-vor – Chants des sept mers“. Der Künstler, der in Nordfinistère aufwuchs, widmet sich den Geschichten der bretonischen Küste und der Welt der Seeleute. Über viele Jahre reifte die Idee, maritime Lieder neu zu interpretieren. Herausgekommen ist ein Werk, das alte Gwerzioù, Arbeitsgesänge und traditionelle Seemannslieder mit modernen elektronischen Klangflächen verbindet.
Die Stücke erklingen auf Bretonisch und Französisch. Sie erzählen von harter Arbeit auf See, von Stürmen, Abschieden und der Sehnsucht nach der Heimat. Elektronische Elemente drängen sich dabei nie in den Vordergrund. Stattdessen verstärken tiefe Bässe und atmosphärische Klangteppiche die emotionale Wirkung der Melodien. Selbst Jacques Brels berühmtes „Amsterdam“ fügt sich harmonisch in dieses musikalische Konzept ein. So entsteht eine Klangwelt, in der Vergangenheit und Gegenwart beinahe mühelos ineinanderfließen.
Noch einen Schritt weiter geht die bretonische Formation Noon. Vier Dudelsackspieler treffen auf Keyboard, Synthesizer und elektronische Beats. Was zunächst nach einem gewagten Experiment klingt, entwickelt auf der Bühne eine erstaunliche Dynamik. Die Dudelsäcke übernehmen die tragenden Melodien, während kraftvolle Rhythmen für Clubatmosphäre sorgen. Plötzlich wirkt der traditionelle Klang erstaunlich modern – und genau darin liegt der besondere Reiz. Wer hätte gedacht, dass sich ein Dudelsack so mühelos auf einen Dancefloor einfügt?
Noon gehört zu den Höhepunkten der „ElectroFIL“-Nacht am 8. August. Gemeinsam mit Perceval, Fleuves und DJ Miss Blue verwandelt die Gruppe den Espace Jean-Pierre Pichard in eine große Tanzfläche. Zwischen bretonischer Fest-noz Stimmung und elektronischer Clubmusik verschwimmen die Grenzen. Das Publikum erlebt Tradition nicht als starres Erbe, sondern als lebendige Kultur, die sich ständig weiterentwickelt.
Genau darin liegt die Stärke des Festival Interceltique de Lorient. Alte Melodien bleiben erhalten, weil Musiker ihnen neue Ausdrucksformen verleihen. Elektronik ersetzt die Tradition nicht, sie eröffnet neue Perspektiven. Aus jahrhundertealten Liedern entstehen zeitgemäße Klanglandschaften, die auch ein junges Publikum begeistern. Zwischen einem melancholischen Seemannslied und treibenden Elektrobeats liegen in Lorient oft nur wenige Takte – und gerade das macht den besonderen Zauber dieses Festivals aus.
M. Legrand