Die Debatte kehrt in Frankreich mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit zurück. Immer dann, wenn sich eine Präsidentschaftswahl nähert und sich innerhalb der politischen Lager mehrere Anwärter auf die Kandidatur in Stellung bringen, stellt sich dieselbe Frage: Soll ein Kandidat durch eine Vorwahl bestimmt werden oder entscheidet letztlich der freie Wettbewerb der Persönlichkeiten bis zum ersten Wahlgang? Die Antwort scheint für viele längst festzustehen. Spätestens seit den Niederlagen von François Fillon, Benoît Hamon und Valérie Pécresse gilt die Vorwahl als politisches Risiko – manche sprechen gar von einer «Maschine zum Verlieren».
Diese Schlussfolgerung ist eingängig. Sie ist deshalb populär. Sie ist aber nur bedingt überzeugend.
Die jüngere französische Politikgeschichte liefert durchaus Beispiele, die den schlechten Ruf der Vorwahl nähren. François Fillon gewann 2016 überraschend die offene Vorwahl der bürgerlichen Rechten. Wenige Monate später zerfiel seine Kampagne unter dem Eindruck strafrechtlicher Ermittlungen und einer Affäre, die seine Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigte. Benoît Hamon setzte sich Anfang 2017 gegen den eher moderaten Flügel der Sozialisten durch, bevor ein erheblicher Teil seiner eigenen Partei Emmanuel Macron unterstützte und den offiziellen Kandidaten faktisch aufgab. Valérie Pécresse wiederum erhielt 2021 die Nominierung der Republikaner, scheiterte jedoch bereits im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl mit einem historisch schlechten Resultat.
Diese drei Beispiele haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der französischen Parteien eingeprägt. Doch sie beweisen weniger über die Vorwahl als über den Zustand jener politischen Formationen, die sie organisiert hatten.
Fillon verlor seine Chancen nicht wegen der Vorwahl, sondern weil eine Affäre seine Kampagne dominierte. Hamon scheiterte nicht am Auswahlverfahren, sondern an einer Partei, deren führende Vertreter den eigenen Kandidaten nicht mehr für regierungsfähig hielten. Pécresse trat in einem politischen Umfeld an, das die traditionellen Parteien längst an den Rand gedrängt hatte. Die Ursachen der Niederlagen lagen jeweils tiefer als im Verfahren ihrer Nominierung.
Gerade darin liegt die eigentliche Funktion einer Vorwahl. Sie schafft politische Konflikte nur selten neu. Sie macht bestehende Konflikte sichtbar.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Parteien erscheinen nach außen häufig geschlossener, als sie tatsächlich sind. Solange kein Kandidat bestimmt werden muss, können ideologische Gegensätze, persönliche Rivalitäten und strategische Differenzen überdeckt werden. Eine Vorwahl zwingt jedoch zur Entscheidung. Sie verlangt Loyalität gegenüber einem Ergebnis, das nicht jeder begrüßen wird. Dort zeigt sich, ob eine Partei lediglich aus konkurrierenden Persönlichkeiten besteht oder tatsächlich eine politische Organisation mit gemeinsamem Ziel ist.
Vorwahlen sind deshalb weniger ein Auswahlverfahren als ein Stresstest für die innere Verfassung einer Partei.
Dass dieser Test häufig schlecht ausfällt, sagt wenig über die Methode selbst aus. Entscheidend ist vielmehr, ob alle Beteiligten bereit sind, das Ergebnis anzuerkennen. Wo Verlierer die Niederlage akzeptieren und den Sieger unterstützen, stärkt eine Vorwahl dessen demokratische Legitimation erheblich. Wo persönliche Ambitionen Vorrang behalten, verwandelt sich derselbe Prozess in eine Bühne innerparteilicher Selbstbeschädigung.
Der Verzicht auf Vorwahlen löst dieses Problem allerdings nicht. Er verschiebt es lediglich.
Auch ohne offizielles Auswahlverfahren konkurrieren potenzielle Präsidentschaftskandidaten miteinander. Sie werben um mediale Aufmerksamkeit, testen ihre Popularität in Umfragen, mobilisieren Unterstützer und positionieren sich programmatisch gegeneinander. Die Auseinandersetzung findet dennoch statt – nur informeller und oftmals weniger transparent.
Gerade im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl 2027 lässt sich diese Entwicklung beobachten. Weder links noch rechts oder im politischen Zentrum zeichnet sich bislang ein allgemein akzeptierter Führungsanspruch ab. Statt institutionalisierter Vorwahlen entstehen informelle Ausscheidungswettbewerbe, die sich über Monate oder gar Jahre hinziehen. Meinungsumfragen ersetzen innerparteiliche Abstimmungen. Fernsehauftritte gewinnen mitunter größere Bedeutung als programmatische Debatten. Der Auswahlprozess verschwindet nicht; er entzieht sich lediglich klaren Regeln.
Befürworter des Verzichts auf Vorwahlen führen regelmäßig ein weiteres Argument an. Kandidaten müssten im Wettbewerb um die Stimmen der Parteibasis ihre Positionen zuspitzen und entfernten sich dadurch von der politischen Mitte, die für einen Sieg bei der Präsidentschaftswahl unverzichtbar sei. Dieses Risiko ist nicht von der Hand zu weisen. Besonders deutlich zeigt es sich in den Vereinigten Staaten, wo parteiinterne Vorwahlen häufig ideologische Polarisierung begünstigen.
Frankreich folgt jedoch einer anderen politischen Logik. Präsidentschaftskandidaten verändern ihre Schwerpunkte traditionell im Verlauf des Wahlkampfs. Sie sprechen zunächst die eigene Anhängerschaft an und wenden sich anschließend einer breiteren Wählerschaft zu. Diese strategische Anpassung erfolgt unabhängig davon, ob zuvor eine Vorwahl stattgefunden hat. Die Annahme, allein das Auswahlverfahren führe zur Radikalisierung, greift daher zu kurz.
Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer. Die Fünfte Republik ist auf Persönlichkeiten zugeschnitten. Seit Jahrzehnten hat sich das politische Gewicht von den Parteien zu ihren führenden Figuren verlagert. Emmanuel Macron hat diese Entwicklung nicht ausgelöst, aber beschleunigt. Parteien dienen heute häufig als Plattformen für Präsidentschaftsbewerber und weniger als dauerhaft prägende Organisationen. Damit sinkt zugleich die Bereitschaft, sich einem kollektiven Entscheid unterzuordnen. Wer sich als potenzieller Staatspräsident versteht, empfindet eine Niederlage in einer Vorwahl selten als endgültiges Urteil.
Hier zeigt sich ein strukturelles Dilemma der französischen Politik. Je stärker die Parteien werden, desto sinnvoller erscheinen Vorwahlen. Je stärker dagegen einzelne Persönlichkeiten dominieren, desto schwieriger wird es, einen solchen Wettbewerb zu organisieren und dessen Ergebnis dauerhaft zu akzeptieren. Nicht die Vorwahl gerät in die Krise, sondern die Partei als Institution.
Deshalb ist die verbreitete Behauptung, Vorwahlen seien eine «Maschine zum Verlieren», letztlich irreführend. Sie verwechselt Symptom und Ursache. Parteien verlieren Wahlen nicht, weil sie ihre Kandidaten demokratisch bestimmen. Sie verlieren, wenn ihnen die Fähigkeit abhandengekommen ist, nach einer Entscheidung geschlossen zu handeln.
In diesem Sinn sind Vorwahlen weder Allheilmittel noch politisches Gift. Sie wirken vielmehr wie ein Seismograf. Sie machen sichtbar, was unter der Oberfläche bereits vorhanden ist: Vertrauen oder Misstrauen, Zusammenhalt oder Rivalität, Führung oder Orientierungslosigkeit. Wer an der Vorwahl scheitert, scheitert deshalb meist nicht an ihrem Verfahren. Er scheitert an den politischen Verhältnissen, die sie offenlegt.
P. Tiko