Über viele Jahrzehnte galt die Île Seguin als Herz der französischen Automobilindustrie. Auf der Seine-Insel westlich von Paris liefen Millionen Renault-Fahrzeuge vom Band, zeitweise arbeiteten hier mehr als 30.000 Menschen. Lärm, Schornsteine und Produktionshallen prägten das Bild. Heute entsteht an derselben Stelle ein Kulturquartier, das Konzerthaus, Kunst, Freizeit und Gastronomie miteinander verbindet. Im Mittelpunkt dieser Neugestaltung steht der Skulpturengarten – ein Ort, der Natur, Kunst und Geschichte zusammenführen soll.
Der Ende Januar 2026 eröffnete Parc départemental Gauthier-Mougin bildet das grüne Herz der Insel. Er liegt zwischen der Seine Musicale im Westen und der noch entstehenden Pointe des Arts im Osten. Entworfen wurde die Anlage vom französischen Landschaftsarchitekten Michel Desvigne, der sich von den bewaldeten Hängen von Meudon auf der gegenüberliegenden Seite der Seine inspirieren ließ. Statt eines streng geometrischen Parks entstand eine Landschaft mit locker angeordneten Bäumen, geschwungenen Wegen und offenen Wiesenflächen. Das Ergebnis wirkt erstaunlich natürlich – fast so, als hätte sich die Vegetation über Jahrzehnte hinweg selbst entwickelt.
Mitten in dieser ruhigen Umgebung entstand ein frei zugänglicher Skulpturenparcours. Rund zwanzig Werke verteilen sich über den Park, die Pointe des Arts und das Umfeld der Seine Musicale. Vertreten sind Künstlerinnen und Künstler wie Jacques Villeglé, Peter Stämpfli, Marta Pan, Jean Charles de Castelbajac, Tiphaine Calmettes und Véronique Joumard. Hinzu kommen bereits früher installierte Arbeiten von César und Kohei Nawa.
Die Kunstwerke stehen nicht dicht nebeneinander wie in einer Ausstellungshalle. Manche tauchen überraschend zwischen den Bäumen auf, andere setzen bewusste Blickpunkte oder greifen die industrielle Vergangenheit der Insel auf. Gerade das macht den Spaziergang besonders reizvoll. Wer aufmerksam unterwegs ist, entdeckt immer wieder neue Perspektiven. Muss Kunst eigentlich immer hinter Museumswänden stattfinden? Der Skulpturengarten beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein.
Viele der Arbeiten beschäftigen sich mit Erinnerung, Veränderung und den Spuren der Vergangenheit. Das passt zu einem Ort, dessen ursprüngliche Identität fast vollständig verschwunden ist. Nach dem Abriss der riesigen Renault-Werke blieben nur wenige sichtbare Zeugnisse der Industriegeschichte zurück. Umso stärker gewinnt die Kunst die Aufgabe, Geschichten zu erzählen und Erinnerungen lebendig zu halten.
Gleichzeitig bildet der Park einen bewussten Gegenpol zu den gewaltigen Neubauten, die das Gesicht der Île Seguin verändern. Die markante Seine Musicale mit ihrer gläsernen Konzertkugel prägt bereits heute die westliche Spitze der Insel. Im Osten wächst mit der Pointe des Arts ein weiterer imposanter Gebäudekomplex heran. Geplant sind ein großes Zentrum für zeitgenössische Kunst, ein Multiplexkino, Geschäfte, Büros sowie ein Vier Sterne Hotel. Die Architektur setzt auf markante Formen und eine eindrucksvolle Präsenz – beeindruckend, aber eben auch dominant.
Genau hier erfüllt der Skulpturengarten seine vielleicht wichtigste Aufgabe. Er schenkt der Insel Luft und Offenheit. Zwischen Glas, Beton und modernen Fassaden entstehen Orte zum Verweilen, Spazieren und Beobachten. Familien, Spaziergänger oder neugierige Besucher benötigen weder Eintrittskarte noch Reservierung. Der Park lädt einfach dazu ein, den Ort auf eigene Weise zu entdecken. Und mal ehrlich – gibt es in einer dicht bebauten Metropole etwas Wertvolleres als frei zugängliche Grünflächen?
Ob die Île Seguin langfristig zu einem lebendigen Kulturstandort heranwächst oder vor allem als spektakuläres Prestigeprojekt in Erinnerung bleibt, zeigt erst die Zukunft. Der Skulpturengarten allein löst die Spannungen zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Architektur und Geschichte nicht auf. Doch er schafft einen Raum, der den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke: Er drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern bietet Platz für Kunst, Natur und die Erinnerung an einen Ort, der sich neu erfindet, ohne seine Vergangenheit völlig zu vergessen.
Ein Artikel von M. Legrand